Bahnhofskneipe in Storkow: Burger statt Knacker

Berna Kühne-Spicer (Bildmitte) mit einem Teil ihres Teams: Levin, Sandro, Ivy und Laura. Foto: Marcel Gäding
Berna Kühne-Spicer (Bildmitte) mit einem Teil ihres Teams: Levin, Sandro, Ivy und Laura. Foto: Marcel Gäding

Die alte Gaststätte im Bahnhof von Storkow (Mark) hat einen neuen Betreiber und auch einen neuen Namen: „Gaststätte Am Bahnhof – The Station Inn“.

Weit steht an diesem Tag die Tür zur Schalterhalle offen: Zwei junge Männer reparieren direkt vor dem Fenster des alten Fahrkartenverkaufs den Kicker. Demnächst sollen noch Darts-Scheiben installiert werden, sagt Berna Kühne-Spicer, bevor sie ihren Gast in die Gaststube führt. Gerade sind die Tischler zugange, arbeiten die historischen Rahmen der Doppelfenster auf. Doch drinnen, im großen Gastraum, fließt das frisch gezapfte Frankfurter Pils, während gerade wieder ein Zug der Regionalbahn 36 am Fenster vorbeifährt.

Seit dem Himmelfahrtstag ist die alte Storkower Bahnhofsgaststätte wieder geöffnet. Es ist die einzige Bahnhofskneipe, die an der 1898 eröffneten Bahnlinie Königs Wusterhausen – Frankfurt (Oder) noch existiert, sagt Berna Kühne-Spicer. Die zweifache Mutter ist Inhaberin des Unternehmens setka service e.K., welches das Lokal im September vergangenen Jahres übernahm. „Die frühere Pächterin und einige Stammkunden fragten mich, ob wir die Bahnhofsgaststätte nicht pachten wollen“, sagt sie. Erfahrungen hatte die gelernte Gärtnerin und freiberufliche Übersetzerin für Englisch zwischenzeitlich in der Gastronomie gesammelt: Von Dezember 2016 bis September 2017 betrieb sie kurzzeitig mit Freunden und Verwandten in der Rudolf-Breitscheid-Straße das „7 Sinne“. Eine Heilpraktikerin hatte sie auf die Idee gebracht, die Räume gemeinsam zu nutzen – vormittags als Tagescafé und abends als Cocktailbar. Doch die Therapeutin zog sich aus dem Projekt zurück. Gespräche, von ihr den Mietvertrag zu übernehmen, scheiterten – gerade, als die Bar „7 Sinne“ gut lief. Danach verkaufte Berna Kühne-Spicer in einem Imbisswagen auf dem Markt Currywurst und Pommes, bevor sie schließlich mit einem rollenden Verkaufswagen einer regionalen Fleischerei durch den Landkreis fuhr.

Als die Anfrage der früheren Wirtin der Bahnhofsgaststätte kam, habe sie nicht sofort ja gesagt, sondern erst einmal eine Marktanalyse erarbeitet. Mit dem Herzen und den Gedanken war Berna Kühne-Spicer aber längst schon beim Bahnhof. Das mag auch daran liegen, dass sie aus einer alteingesessenen Storkower Familie stammt: Die Kühnes machten sich als Seiler einen Namen, jene Berufsgruppe, die Seile herstellt, die auf Schiffen oder an Hängebrücken zum Einsatz kommen. Eng waren sie mit der Stadt verbunden, bis die Familie in den 1970er-Jahren „in alle Welt zerstreut wurde“. Berna Kühne-Spicer war fünf Jahre, als sie Storkow verließ, lebte danach in Ludwigsfelde, Prenzlau und Berlin. 2010 entschied sie sich, in ihre Heimatstadt zurückzukehren und zog in das alte Haus der Kühnes am Markt. Inzwischen kann die Familie auf elf Generationen zurückblicken. Man darf behaupten: Die Kühnes gehören zu Storkow wie der altehrwürdige Bahnhof. In dem werden allerdings schon lange keine Fahrkarten mehr verkauft, aber immer schon mit Bier durstige Kehlen gelöscht. Ergebnis der Analyse: Die Voraussetzungen wie die gute Lage, die Bahnanbindung, die Parkplätze und die Bushaltestelle vor der Tür sind ideal.

Mit großem Respekt gingen Berna Kühne-Spicer und ihre Mitstreiter an das Projekt Bahnhofsgaststätte. War anfänglich die Rede davon, das Lokal zu renovieren, wurde daraus schnell eine Kernsanierung: Elektroleitungen und Fenster waren marode, die Türen und der Fußboden nicht mehr im allerbesten Zustand. Inzwischen ist das Orange an den Wänden des Gastraums und dem benachbarten alten Raucherzimmer angenehmen Pastelltönen gewichen, die Fenster zieren weiße Spitzengardinen, während Bordüre in der Anmutung des Jugendstils einen optischen Bogen zur Geschichte des Bahnhofs spannen. Auch draußen ist zu sehen, dass im Bahnhof etwas passiert: Der Storkower Elektromeisterbetrieb Meyer entwarf die Lichtkonzeption, die das Gebäude abends illuminiert.

Wer nun annimmt, dass die Bahnhofsgaststätte mit ihren neuen Betreibern zu einem Feinschmeckerlokal avanciert, irrt: Wie eh und je gibt es hier Frischgezapftes, ergänzt durch gute Whiskys, Weine und Cocktails. Nur Bockwurst und Knacker finden sich nicht mehr auf der Karte. Stattdessen können die Gäste zwischen Hotdogs, Kartoffelspalten und Burger mit Fleisch aus dem nur einen Kilometer entfernten Groß Schauen vom Landwirtschaftsbetrieb Peter & Co. wählen. Geblieben sind der Tresen, der nach 1990 eingebaut wurde, Stühle und Tische sowie die beiden alten noch funktionsfähigen Kachelöfen.

Eine große Rolle kam den Stammgästen zu, die in die Sanierung einbezogen wurden und tatkräftig genauso ehrenamtlich anpackten wie Familie, Freunde und Bekannte. „Man muss die Storkower im Boot haben“, sagt Berna Kühne-Spicer. Da im großen Gastraum inzwischen Rauchverbot herrscht, wurde das einstige Billardzimmer zum Raucher-Abteil umfunktioniert. Keiner wurde verprellt: Nach der siebenmonatigen Schließzeit bezogen die Mitglieder des Stammtisches ihre angestammte Ecke. Auch der Name wurde nicht ganz gestrichen, sondern nur ergänzt um „The Station Inn“. Berna Kühne-Spicer sagt, dass die Gaststätte ein Ort der Geselligkeit sein soll, an dem im Rahmen von Karaoke oder kleinen Konzerten auch gesungen wird. Angelehnt ist der Name an das berühmte Station Inn in Nashville, der Hauptstadt des amerikanischen Bundesstaats Tennessee. Dort gibt es jeden Abend Konzerte von bekannten und weniger bekannten Bands. „Wir wollen einen Ort schaffen, an dem sich die Leute ausprobieren können.“ (gäd.)

Die Gaststätte Am Bahnhof – The Station Inn ist montags bis sonnabends von 14 bis 22 Uhr und sonntags von 8 bis 22 Uhr geöffnet. Adresse: Am Bahnhof 2, 15859 Storkow (Mark), Tel. 033768 407503, Internet: facebook.com/the-station-inn-storkow

Dieser Beitrag erschien zuerst im Juni im Lokalanzeiger der Stadt Storkow (Mark). Inzwischen haben wir erfahren, dass es in „The Station Inn“ auch wieder Bockwurst und Knacker gibt.